Für eine spirituelle Selbstbestimmung

Zur Erläuterung des Anatheismus-Begriffs ist ein Zitat geeignet, das uns Johann Wolfgang Goethe zum Thema spirituelle Selbstbestimmung hinterließ: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.“ Welch elitärer Ausspruch! Er geht von zwei völlig verschiedenen Religionsbegriffen und Menschenbildern aus, getrennt nur durch ein Semikolon:

Zum einen spielt Goethe auf die Konvergenz des Wahren, Guten und Schönen im Hoheitlichen an, die sich Menschen mit Geist und Herzensbildung leicht erschließt; zum anderen empfiehlt er die Disziplinierung der Unkultivierten durch konfessionelle Bande. Beide Aspekte enthalten ein Körnchen Wahrheit – groß wie ein Felsenberg. Doch was lernen wir daraus?

„Gott“ ist ein Modus!

Jeder Mensch trägt ein hoheitliches Potenzial in sich: die Fähigkeit zur Annäherung an das Göttliche [Divinale]. Erleuchtung ist kein leeres Wort, Transzendenz kein esoterischer Budenzauber. Der Begriff des Anatheismus baut Brücken zwischen dem Theismus (dem Glauben an eine externe Supermacht), dem Atheismus (der Leugnung einer solchen) und dem Agnostizismus.

Der Anatheismus versucht, das Divinale konfessionsübergreifend wissenschaftlich zugänglich zu machen. [>H538f] Mit der Divinaik ragt das Projekt Pansophia auch in die ecclesiale Dimision, um transzendente Menschen zu verbinden, die ihre Spritualität weder durch kirchliche Dogmen noch durch esoterische Spezifika prägen, verbilden oder beengen lassen wollen.

Es geht um spirituelle Selbstbestimmung: „Gott“ ist ein Modus!

Durch Transzendenz vermag der Einzelne in die höchste Lebendigkeit - das Divinale - aufzuragen. Doch auch die Verwurzelung im Energalen, Materialen, Vegetalen, Animalen und Rationalen [den aufsteigend wirksamen Lebendigkeiten] ist und bleibt wichtig.


Wahrhaftigkeit statt Glaubenshoffnung

Gerade in der heutigen Zeit, da die Menschen mehr und mehr an der Oberfläche ihrer Bedürfnisse (und Bedürftigkeit) treiben, ist die Entfaltung in beide Richtungen - das höhere Aufragen / die tiefere Verwurzelung - nicht leicht. Das Ideal einer harmonischen spirituellen Selbstbestimmung, das der erste Teil des Goethe-Zitats anspricht, wird oft spezifisch gedeutet oder gar dogmatisch überprägt.

Die Pansophik fordert: Sei wahrhaftig; lass Leid zu, statt es durch Illusionen „auszukurieren“; nutze dein Wissen und den Schmerz über dein baldiges Ende für ein solidarischeres Miteinander! Schütte den Abgrund der Inspiration nicht mit dem Sperrgut deiner Hoffnungen zu! Festige dein bürgerliches Fundament – um es irgendwann zu überwinden. Wie heißt es im Buch?

Befreie dich von Scham und Schuld, Gier und Geiz, Wissen und Beweisen, Eminenz, Emphase und Empörung! Bleib neugierig, verspielt und liebevoll! Erneuere deine Göttlichkeit durch Rückzug und Befreiung! Häute und ent-heute dich! [>G483]

Reine Vernunftskonzepte können die bürgerliche Souveränität nicht sichern. Zum Fundament einer solchen gehört die Qualität des Göttlichen: Transzendenz und Allverantwortung, liebende Entgrenzung und mystische Verschmelzung. [>F452]

Wenn die Verblödungen des Konsums kaum noch aufzuhalten sind und „Gotteskrieger“ die Offene Gesellschaft in einen neuen Weltkrieg treiben, bleibt Rationalbegabten nur ein Weg: durch eine integrale Wissenschaft Klarheit über sich selbst und das zu erlangen, was alles ermöglicht. [>F453]

Ob in der Liebe oder im Krieg, im Genuss oder Kampf: Der Gipfel der Selbsterfüllung heißt Selbstlosigkeit. [>F453]